18/2

Liebe Leserinnen und Leser! Manche von Ihnen werden sich vielleicht noch erinnern, dass es vor einigen Jahren schon einmal eine Zeitschrift Nubenum gab. Die »Lange Zählung« soll hiermit bei Ausgabe 51 hoffnungsvoll fortgesetzt werden. Natürlich bleibt nicht alles beim Alten, vor allem: Die Zeitschrift ist jetzt kostenlos für Sie zu lesen. Wenn Sie mögen, erhalten Sie mit einem Abonnement den Nubenum aus Papier oder Pixeln also frei Haus oder E-Mail-Postfach – mehr dazu am Ende des Heftes. Die Zeitschrift erscheint auch nur noch vier Mal im Jahr, so dass Sie sich länger von der strapaziösen Lektüre erholen können.

In der Mitte des Heftes findet sich jeweils ein kleines Projekt, bei dem es sich wirklich lohnen kann, es nicht nur auf Papier, sondern auch einmal online anzusehen. Ansonsten steht die gedruckte Version der digitalen aber in nichts nach, vielmehr passt sie sich wohl besser an Frühstücksfinger oder Sesselgemütlichkeit an.

Papier mit seinen Möglichkeiten wird somit für diese Zeitschrift nicht nur Medium, sondern auch Gegenstand sein: Was in China vor zwei Jahrtausenden erfunden wurde, hat über die Jahre viel Änderung erfahren und behauptet sich bis heute gegen die gerasterte Pixelwelt. Ohne diese flexiblen Pixel wiederum wäre das Papier und sein Aufdruck heute auch eine mühsame Angelegenheit.

Typen gegen das Vergessen, Schafott der eigenen Entwicklung. Wissen kommt mit großem Ruck, Lettern kommen aus den Pressen. Tinte in der Höhe und Vertiefung auf das Papier bringt der Druck.

Wer beim Drucken nicht an den immer kleiner und günstiger werdenden, ungesund stinkenden und pustenden grauen Gefährten neben dem Schreibtisch denkt, der denkt vielleicht nicht nur, wenn er aus Mainz kommt, stattdessen an Gutenbergs knarzende Pressen, leicht feuchtes Papier, schmatzende Tinte und umso giftigere, bleierne Dämpfe. Bevor ein Buchstabe auf dem Papier erschien, gab es erst ein großes Auf und Ab: Der Schriftschneider würde die Letter mit ihren Eigenheiten sorgfältig aus einem Stück harten Metall herausarbeiten, als »Patrize« im Wortsinne der Vater aller tintenschwarzen Buchstaben. Die Erhebungen, die die Letter ausmachten, würden, in weicheres Metall eingeschlagen, Vertiefungen formen und die Matrize, ihre Mutter, entstehen lassen. Diese würde endlich als Form verwendet, mit einer Legierung von Blei und anderen Metallen ausgegossen und so würde die eigentliche Type, als Kind der beiden wiederum erhaben, dabei herausfallen.

Gutenberg verwendete für seine Lettern eine Legierung aus Zinn, Blei, Antimon und Wismut.

Die Teile des Buchstabens, die später in Form von Tinte auf dem Papier zu sehen sein sollten, waren also die Berge; die »Punzen« – Augen und Schritte der Lettern – waren die Täler. Lag das Papier wie eine Wolkendecke über der Landschaft, war man vorsichtig und die Tinte viskos genug, druckten die Berge feinste und klarste Buchstaben ins Papier, und durch den großen Druck der Presse konnte man bei gutem, dickem Papier die Buchstaben nicht nur sehen, sondern auch fühlen.

Offsetdruck: Blick in eine Zeitungsdruckerei.

Da es die erhabenen Stellen sind, die die Tinte auf das Medium bringen, wird dieses Druckverfahren – ob mit beweglichen Lettern oder nicht – Hochdruck genannt. Heute wird es, außer im Museum und Atelier, praktisch nicht mehr eingesetzt. Das heißt aber nicht, dass überhaupt keine Druckformen mehr verwendet werden: Für große Auflagen lohnt es sich, das Druckbild nicht wie beim heimischen Tintenstrahl- und Laserdruck mehr oder weniger direkt auf das Papier zu bringen, sondern Umwege zu nehmen. Beim Offsetdruck sind das meist Aluminiumplatten, deren Beschichtung computergesteuert so manipuliert wird, dass sie teils hydrophil, teils hydrophob ist (von griechisch ὕδωρ, »Wasser«; φίλος, »liebend« und φόβος, »Furcht«), und zwar genau so, dass die wasserabweisenden Muster eben dem Druckbild entsprechen. Die ölige Farbe zieht sich sodann auch auf die wasserabweisenden Muster zurück, sodass – mit einigen zusätzlichen Walzen – ein einwandfreies Druckbild tausend-, gar hunderttausendfach aufs Papier gebracht werden kann. Eine solche Druckplatte für den Offsetdruck zeichnet sich also nicht durch Höhen und Tiefen aus, sondern ist so flach wie Kansas (Kansas, dem zu Unrecht vorgeworfen wird, der flachste Bundesstaat der USA, und zu Recht, flacher als ein Pfannkuchen zu sein – wobei letzteres, wie bahnbrechende Forschung zeigt, auch auf den Himalaya zutrifft). Offset ist daher ein Flachdruckverfahren.

Das eigentliche Problem, das Aufbringen der zu druckenden Farben, Formen, Bilder und Lettern auf ein Medium, wurde hier aber nur verlagert: Mit der fertigen Druckplatte aus Aluminium kann beliebig oft gedruckt werden, aber wie entsteht das Druckbild, die wasserfürchtenden und -liebenden Stellen auf der Druckplatte? Schließlich will man nicht hinter Gutenberg zurück fallen und jeden Buchstaben immer neu zeichnen oder schneiden. Heute wird dies mit licht- oder wärmeempfindlichen Polymeren erreicht. Diese werden zum Beispiel durch einen computergesteuerten Laser genauestens bestrahlt und verändern ihre Beschaffenheit an diesen Stellen, so dass sie im Gegensatz zum unbehandelten Material entweder besonders leicht oder gerade besonders schwer zu entfernen sind oder sich gar direkt auflösen. Früher wurde die Belichtung ganz so wie bei einem Dia oder Papierabzug durchgeführt.

Abgesehen davon, dass sie seit mehr oder weniger vielen Jahren eingesetzt werden, kann man sich ohne Mühe vorstellen, dass der Flach- und umso mehr der Hochdruck tatsächlich funktioniert. Dass auch das »Negativ« des Hochdrucks, bei dem also die zu druckenden Flächen durch die Vertiefungen repräsentiert werden, mehr als nur unkenntliche Tintenflecken auf dem Papier hinterlässt, erscheint dem Unwissenden allerdings auf den ersten Blick fraglich. Dabei ist dies, wenigstens was die mögliche Auflage mit einer Druckform angeht, der König unter den Druckverfahren: Millionen von Exemplaren sind mit den metallenen Druckformen kein Problem, denn nur an den Stellen, an denen gedruckt werden soll, wird sorgfältig graviert. Wie sich Flüsse über Jahrmillionen schluchtenartig in die Erde graben, bleibt die sonst glatte Landschaft darum beständig. Wenn der tintenschwarze oder -farbige Regen niedergeht, muss lediglich sichergestellt werden, dass er nur in den engen Tälern verbleibt, vom Rest der Druckplatte muss die Farbe abgewischt werden. Das darübergedrückte Papier saugt die Tinte geradezu aus den Vertiefungen. Falls Sie mal wieder einen Katalog zu Hause haben, können Sie die feinen Mäander des Tiefdrucks sehen.

Altes Gestein nicht schmolz, doch tief aus der Hitze kam hervor, ächzend, schwellend, bäumend, eben ohne sich zu regen, Gebälk und Fries tragen sie stolz, nicht so weiß wie Marmor, ein Herz aus Holz mit Leben.

Dass die Griechen uns in mancher Hinsicht schon ebenbürtig oder überlegen waren, und im dunklen Mittelalter vieles wieder vergessen wurde, scheint so deutlich, wie der Begriff des dunklen Mittelalters stehend ist. Seit man im 20. Jahrhundert begann, griechische Erbstücke wie den Parthenon auf der Athener Akropolis zu restaurieren, ist man so ständig neuen Herausforderungen ausgesetzt. Erst müssen die Fehler der Vergangenheit beseitigt werden, bevor man sich der eigentlich griechischen Kunst widmen und seine eigenen Fehler hinzufügen kann.

Woher der Name kommt, ist nicht ganz klar. Zuvor wurde er »Hundertfüßer« oder auch nur »der Tempel« genannt.

In seiner langjährigen Geschichte hat dem Parthenon neben der seriellen Umwandlung in Kirche und Moschee vor allem die Nutzung als Pulverkammer geschadet, die dann im nächsten Krieg in Feuer umgewandelt wurde, und schließlich war auch die Natur mit einigen Erdbeben nicht ganz unschuldig. Heute sind Splitter des Parthenons in der ganzen Welt verteilt, unter anderem Skulpturen und Teile des Frieses im British Museum, wohin sie seit dem Beginn des 19. Jahrhundert »gerettet« wurden.

Als die Griechen dann wenige Jahre später endlich wieder ihrer selbst und des Pantheon Herr wurden, begann die erste Restaurierung, die man aus heutiger Sicht vielleicht ebenso als Zerstörung bezeichnen könnte – die Hellenen 2000 Jahre vorher wussten, dass Verbindungsstücke aus rostendem Metall nicht nur den Marmor rostrot färben, sondern ihn durchaus auch bersten lassen können, ihre Nachfahren hatten das offenbar vergessen.

Entasis nennt man das unmerkliche Anschwillen der Säulen antiker Bauten.

Sie erkannten auch nicht die feine Art der Säulen: Die Säulen des Parthenons sind nicht gerade und lotrecht, ihr Schaft schwillt an und verjüngt sich schließlich, scheinbar unter dem Gewicht, tatsächlich der Ästhetik wegen. Und es sind nicht nur die Säulen, die subtil geschwungen sind; im ganzen Parthenon findet sich kaum ein echter rechter Winkel, und wenn es nur wenige Millimeter doch entschiedene Abweichung sind. Jede Treppe, jede Wand, das Gebälk sind leicht gekrümmt, denn statt hart und streng und wirkt das Gebäude so harmonisch und fast lebendig. Ohne genaueres Hinsehen sind die Schwingungen so minuskül, dass wir sie nicht wahrnehmen, und doch wirken sie auf uns. Warum und wie, das wissen wir heute auch nicht, die Architekten scheinen aber auch die optischen Fehler, die aus der Perspektive und nicht zuletzt den Linsen unserer Augen erwachsen, zu korrigieren versucht haben.

Des Spitzeisens Spuren im Sandstein.

Will man so genau sein wie die antiken Griechen, so hat jeder einzelne Stein des Bauwerks und jede einzelne Scheibe jeder Säule (denn selbst den Erbauern war es zu kompliziert, eine solche aus einem Stück zu fertigen) also auch nur genau einen Platz. Diese »Trommeln«, die bei der ersten Restauration etwas durcheinandergekommen waren, mussten deshalb erst einmal wieder mit minutiöser Vermessung und Rätselraten sortiert und an ihren richtigen Platz gehoben werden. So glatt und dicht lagen die Trommeln aufeinander, dass, als man einige zum ersten Mal lüftete, die Holzdübel, die sie im Inneren verbanden, wohl zwei Millennien ohne Kontakt zur Außenwelt überstanden hatten.

Obwohl wir mit Kränen viele leichte Versuche haben, eine neue Trommel richtig zu platzieren, ist es anscheinend schwerer für uns heute als damals. So kommen dann auch die antiken Methoden und Werkzeuge zum Einsatz: Spitzeisen für den ersten Schliff und Zahneisen für den zweiten, unzählige weitere Arten von Meißeln; Punktierkreuze und Stechzirkel zum Übertragen und Messen, bis der neue Stein nach vielem Irren sich endlich passend einfügt und ohne Mörtel und Beton auch die nächsten Zeitalter überdauern kann.

Der Parthenon wurde nicht an einem Tag und nicht von einer Person erbaut. Die Bauarbeiten dauerten im 5. Jahrhundert vor Christus aber nur etwa ein Jahrzehnt, was zeigt, dass wir, die da seit 30 Jahren restaurieren, in diesen immer schnellen und hektischen Zeiten doch langsamer geworden sind. Vielleicht war es damals die göttliche Motivation, die Bedenken hinsichtlich Geld, Zeit und Aufwand beiseite wischte. An einem solchen Projekt waren nicht nur viele Götter, sondern auch viele Menschen, Architekten, Handwerker, Bildhauer, Seiler, Kaufleute beteiligt. Eine Säule, ein Relief des Frieses erschafft nicht ein Künstler, sondern viele. Doch wie gelang die Gesamtkomposition, bei der alles genauer zusammenpasst, als wir es heute noch verstehen können, wenn es nicht einmal eine einheitliche Maßeinheit gab?

Der erwähnte Stechzirkel war sicher von großer Nützlichkeit, mit ihm konnten vorhandene Maße von einem fertiggestellten Teil oder von einem Referenzmaß auf der Baustelle repliziert werden. Während wir noch im ausgehenden 20. Jahrhundert Satelliten abstürzen lassen, weil wir unsere Maßeinheiten nicht unter einen Hut bekommen, gelang den alten Griechen die Zusammenarbeit trotz unterschiedlicher Verständnisse beispielsweise eines Fußes – dorisch oder ionisch? Es waren ungefähr 30 Zentimeter, aber je nach Region mit einer Abweichung von bis zu drei Zentimetern: Die Säulen des Parthenons stünden ästhetisch wesentlich weniger überzeugend da, wenn sich die Griechen auf die Maßeinheiten verlassen hätten.

Der Parthenon war Vorbild für viele Bauten in der Antike und Neuzeit. Mit der Zeit wurden die Nachahmungen immer weniger sorgfältig und die Säulen immer gerader.

Lange Zeit hatte man keinen einzigen Bauplan gefunden, der Parthenon schien ohne Vorbild gebaut zu sein. Erst später entdeckte man bei anderen antiken Tempeln, wie es vielleicht auch bei diesem einen gewesen sein wird: Dass das Bauwerk sich selbst als Bauplan diente. Denn in die Steinblöcke der Grundfesten waren feine Linien eingeritzt, die man leicht mit einem Stechzirkel abnehmen konnte, so beispielsweise die genauen, nach Höhe variierenden Durchmesser der Säulen.

Heute erstrahlt der Parthenon weiß wie Marmor, weil er aus Marmor ist. Doch Untersuchungen legen nahe, dass er damals nicht so aussah, wie wir ihn uns heute vorstellen: Wie wohl die meisten Tempel war der Parthenon, oder wenigstens seine Reliefs, in kräftigen Farben bemalt. Während der Marmor und alles, was er schützte, die Jahrtausende überdauerte und nur etwas dunkler wurde, wurden die Farben vom Zorn der Götter abgewaschen. Farben, die uns heute geradezu unantik vorkommen würden.

Baum aller indoeuropäischen Sprachen – ausgestorbene (rot) und gesprochene (grün). Mandrak u.a. (CC-BY-SA/3.0)

Sprache mit den Menschen wandernd, kurze, lange Generationen der prototypischen Familie. Durch die Zeit mäandernd unter lautlichen Mutationen: jedes Wort eine lange Linie.

Eine neue Sprache zu lernen ist immer schwierig und man erreicht nie die Eloquenz, die man vielleicht in seiner Muttersprache hat. Dabei sind die Sprachen, die wir normalerweise in der Schule lernen, unserer eigenen näher, als uns meistens klar wird. Englisch gehört ja wie das Deutsche zum Zweig der germanischen Sprachen. Wie sehr uns vor allem die Ähnlichkeit der Vokabeln beim Lernen hilft, vermisst man, sobald man versucht, eine Sprache wie Chinesisch oder Türkisch zu lernen, die für uns auf den ersten Blick wenig mehr als die zufällige Aneinanderreihung von Silben sind. Wörter wie »door« oder »apple« müssen zwar gelernt werden, bleiben aber, weil uns die Ähnlichkeit sofort auffällt, gut im Gedächtnis, und auch bei Wörtern, für die es weniger offensichtlich ist (»know« mit »kennen«) stellen wir wohl unbewusst eine Verbindung her. Englisch und Deutsch haben sich erst vor vielleicht etwa 1500 Jahren getrennt, jedenfalls nach Christi Geburt. Dabei hat zum Beispiel das Englische den weichen »father« beibehalten, während das, was später einmal Deutsch wird, es zum härteren »t«, »Vater« werden ließ.

Die Geschichte und damit der Stammbaum unserer Sprachen geht aber noch weiter zurück. Französisch und Spanisch beispielsweise gehören zum Zweig der romanischen Sprachen und sind sich wiederum recht ähnlich, da sie alle von der lateinischen Sprache abstammen. Aber auch die romanischen und germanischen Sprachen haben einen gemeinsamen Vorfahren: Die indoeuropäische Sprache (bei uns, mit Vorliebe und etwas Einbildung, häufig indogermanische Sprache genannt). Vom französischen »père« scheint der Weg zum Vater recht weit. Wenn man sich aber klar macht, dass das französische Wort vom lateinischen »pater« abstammt, und dass, als die germanischen Sprachen sich spätestens vor etwa 3000 Jahren von der indoeuropäischen Sprachwurzel entfernten, diese unter anderem eine Lautverschiebung von »p« nach »f« durchmachten, erscheint dies nicht mehr ganz so unwahrscheinlich. Tatsächlich ist dies im Gegensatz zu anderen Wörtern, die Linguisten zu einer gemeinsamen, rekonstruierten Wurzel zurückverfolgt haben, eines, dessen Ähnlichkeit noch einigermaßen offensichtlich und die Verwandtschaft sehr sicher belegt ist. Denn die indoeuropäische Sprache kann heute nichts anderes mehr als eine Rekonstruktion sein, wo sich doch die Entwicklung ihrer Kinder größtenteils zugetragen hat, bevor die Menschen begannen, ihre Sprache auch aufzuschreiben. Doch zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehören auch Sprachen, die uns viel entfernter scheinen, nicht zuletzt, weil sie ein anderes Alphabet verwenden. Russisch und die slawischen Sprachen sind Teil der Familie genau so wie das Persische, das zwar die arabische Schrift verwendet, aber eben einen gänzlich anderen Ursprung hat. Und gemäß dem Namen sind auch viele der Sprachen, die auf dem indischen Subkontinent gesprochen werden, indoeuropäischer Herkunft, so wie etwa Hindi und Urdu.

Wenn man die indoeuropäische Ursprache genau studieren könnte und alle Ableitungen und Lautverschiebungen im Kopf behalten würde, hätte man so die Möglichkeit, alle der über 400 heute noch gesprochenen Sprachen dieser Familie zu verstehen.

Das Projekt
in neuem Fenster öffnen

Schwefel und Beben weiß wann wieder Magma droht, Kreuze währen nicht Macht über kalt und heiß. Mit der Explosion im Schlot Neuanfang mit Altem bricht.

Wenn sie nicht von giftigen Gasen erstickt, von kilometerweit geschleuderten Gesteinsbrocken zerquetscht, von heißen Lavamassen verschlungen, von ätzendem Regen zersetzt, von Schlammflüssen überrollt, von einer Ascheschicht begraben wurden, so sterben die letzten überlebenden Pflanzen und Tiere eines Vulkanausbruchs an der Dunkelheit, die durch die sich vor die Sonne schiebenden Aschewolken hereinbricht. Nur für einige wenige Arten, die die Hitze und Verwüstung lieben oder mit den Schwefelgasen zurechtkommen, ist dies eine wirtliche Umgebung, wie auch für die Raub- und Aasvögel, deren Beute ihnen der Vulkan, ob lebendig oder tot, schutzlos und ohne Deckung in der erstarrten Landschaft ausliefert.

Die Lava, die sich die Hänge hinabwälzt, hat gegen 1000°.

Auch für uns ist ein solcher Ausbruch des Vulkans, je nach dem, ob wir es verstanden, seine Zeichen zu lesen, von katastrophaler oder wenigstens zerstörender Wirkung. Da wir – abgesehen vom Aufstellen von Kreuzen und dem Übergeben von Menschenopfern an den Magmasee im Krater des Vulkans – noch keine Möglichkeit haben, die Höllenschlote zu beeinflussen oder zu bändigen, müssen wir uns auf ihr Werk einrichten können. Neben der sofortigen Zerstörung im direkten Umkreis können die Aschewolken noch lange Zeit und weit entfernt Auswirkungen haben, durch Flugverbote, sauren Regen, oder in noch längerem Zeitmaßstab und größerer Entfernung – weltweit – bei einer Häufung von Vulkanausbrüchen die deutliche Abkühlung des Klimas durch die verringerte Sonneneinstrahlung. So durchlebten wir vom 15. bis 19. Jahrhundert eine »Kleine Eiszeit« und als Krönung das Jahr ohne Sommer 1816, das durch den monströsen Ausbruch eines Vulkans nahe der Insel Java auf der anderen Seite der Erdkugel verursacht wurde.

Etwa 1500 Vulkane sind weltweit mehr oder weniger aktiv.

Im Zyklus der Natur sind Vulkane keine Zerstörer, sondern Erneuerer. Nicht umsonst gebiert die Asche den Phoenix. Nur dadurch, dass vom einst dichten Wald nur noch verkohlte Stümpfe übrig sind, erhalten die kleinen Pflanzen, die in der untersten Schicht gedeihen, wieder Licht und Lebenszeit. Aus der aus den Tiefen der Erde herausgeschleuderten Materie wird ein mineralstoffreicher, fruchtbarer Boden, auf dem schon bald wieder erste Flechten und Moose wachsen, die das Regenwasser, das sonst im porösen Lavagestein haltlos versickert wäre, speichern und so größeren Pflanzen die Wiederansiedlung erlauben.

Tatsächlich waren die Miniaturvulkane am Grund des Meeres vielleicht die Geburtshelfer des allerersten Lebens: Bis heute fühlen sich im lichtlosen, aber warmen Wasser um diese »Schwarzen Raucher« Mikroben sehr wohl.

Jedenfalls schenken uns Vulkanausbrüche dank der Aerosole in der Atmosphäre wundervolle Sonnenuntergänge, wie man sie noch heute auf den jeweils zeitgenössischen Gemälden bewundern kann.

Wer vor Lärm, Staub und Treiben unserer Städte fliehen will, der flieht in den Wald. Einer der wenigen Orte die bleiben, als Bastion der Natur ganz still. Der moderne Mensch beendet das bald.

Das ist sicher falsch, denn zum einen haben wir heute sicher keinen schlechteren Einfluss auf unsere Wälder als noch vor einigen Jahren, und zum anderen ist von der Natur im Wald sowieso wenig übrig – schließlich sind es »unsere« Wälder, die wir seit Jahrhunderten nutzen. Nach der letzten Kaltzeit konnte man für einige Zeit von Spanien bis nach Russland reisen, ohne den Wald jemals zu verlassen. Aber schon unsere Vorfahren der Steinzeit begannen, den Wald zu verkleinern. Zum einen war er für den Ackerbau eher hinderlich, zum anderen wurde Holz für viele Jahrtausende der primäre Rohstoff zum Bauen und Heizen, und, im Zuge der industriellen Revolution, zum Betreiben von Maschinen. Spätestens im Mittelalter war der Bevölkerungsdruck so groß, dass der Wald nicht mehr standhielt und sich immer weiter zurückzog.

In Deutschland leben 1000 Mal mehr Bäume als Menschen.

In Mitteleuropa meint man heute, dass doch noch ein guter Teil des Waldes vorhanden ist, aber in den südlicheren Ländern wird deutlich, wie es auch hier vor wenigen hundert Jahren ausgesehen hat: Auch der Mittelmeerraum war einmal zu großen Teilen bewaldet. Erst wir selbst ließen seine Landschaften immer trockener und steiniger werden, so, wie sie uns heute vertraut sind. Denn gerade unter der Mittelmeersonne geht es nach dem Fallen der Bäume sehr schnell: Die trockene Erde wird davongetragen von Wind und Wetter, kurz Erosion, übrig bleibt eine steppenhafte Gerölllandschaft, auf der eine bäumische Neuansiedlung – auch manuell – nicht eben einfach ist. In den nördlicheren Gefilden wurde auch schnell versucht, den Wald wiederzubeleben, schließlich musste irgendwoher ja die Maschinenkraft kommen. Entstanden sind Wälder, die aussehen wie Mahnmale: Auch heute noch stehen hier viele Fichten in Kolonnen. Denn sie wachsen besonders schnell – einen kurzen Augenblick von hundert Jahren benötigen sie nichtsdestotrotz, bis man sich an ihnen gütlich tun kann.

Spätestens seit unsere Wälder der dekadischen (oder dekadalen? – zehnjährigen) Bundeswaldinventur unterworfen sind, geht es bergauf. Die Erkenntnis, dass Monokulturen der Waldgesundheit abträglich sind, war da schon nicht mehr neu, und auf diese Weise wächst seit einigen Jahrzehnten wieder nicht nur der Anteil der eigentlich hier heimischen Arten – Laubbäume statt Koniferen – sondern auch die Bewaldung insgesamt. Auch unsere moderne stählerne und betonierte Gesellschaft braucht aber Holz, sehr viel Holz. Dass die Wälder, durch die wir Sonntags spazieren, nur der Erholung dienen, ist insofern Illusion, als jeder Baum, der uns dabei begegnet, uns alsbald auch in der Stadt begegnen könnte.

800 Millionen Tonnen CO² werden in Deutschland jährlich ausgestoßen. Unser Wald absorbiert davon vielleicht ein Viertel.

Heute ist etwa ein Drittel der Fläche Deutschlands mit Bäumen bedeckt, aber nur ein Bruchteil davon ist Wald, wie er vor tausenden Jahren ausgesehen hätte: In diesen als Bannwald erklärten Gebieten hat der Förster gar nichts zu tun, der Wald ist sich selbst überlassen und soll mit der Zeit wieder seinen natürlichen Chaoszustand erreichen. Wir nennen es Urwald und schwelgen dabei in fernen Wäldern, die es bald wohl auch nicht mehr gibt.

Simulation eines Schwarzen Loches: In der Nähe sind Raum und Zeit und somit das Licht der dahinterliegenden Sterne und Galaxien stark gekrümmt. Alain_r (CC-BY-SA/2.5)

Nie im weiten Raum gesehen: die Meister der Schwere und Linsen des Lichts. Wie lange werden sie bestehen? Noch dunkler als Leere, doch wärmer als Nichts.

Der Schwarzschildradius unseres Planeten beträgt 8,8 Millimeter. Das heißt, wenn unsere Erde bei gleicher Masse noch kleiner wäre als das Schweinchen beim Boule oder vielmehr Pétanque, könnte man sie nicht mehr wie die kleine Holzkugel werfen. Und zwar nicht, weil sie einige Trilliarden Tonnen wiegt, sondern weil sie genau dann zu einem Schwarzen Loch werden würde, das, bevor man es auch nur in die Hand nehmen könnte, wohl die schweren Metallkugeln und einen selbst verschlingen würde, wenn nicht andere ungünstige Dinge vorher passieren würden.

Der Schwarzschildradius eines Objekts einer bestimmten Masse ist also der Radius, ab dem es, weil es so dicht und komprimiert ist, zum Schwarzen Loch wird. Jeder Mensch hat seinen eigenen Schwarzschildradius, der noch viele Größenordnungen kleiner ist als der Durchmesser eines Atoms. Aber wie schon bei der Erde ist dieser weniger praktischer als vielmehr theoretischer Natur – abgesehen von sogenannten Micro Black Holes, deren Existenz nur vermutet wird, sind die kleinsten bisher beobachteten Schwarzen Löcher immer noch drei oder vier Mal massereicher als die Sonne: Sie haben einen Radius von vielleicht einem Dutzend Kilometern.

Wer sich innerhalb dieses Schwarzschildradius wagt, überschreitet den Ereignishorizont des Schwarzen Loches und kommt nicht mehr zurück. Definitionsgemäß können nicht einmal Photonen daher zurückkehren, obwohl sie die Höchstgeschwindigkeit des Universums bis zur Erschöpfung ausnutzen. Um dem Gravitationsfeld der Erde zu entkommen, muss eine Rakete schon eine Geschwindigkeit von einigen Kilometern pro Sekunde erreichen. Am Ereignishorizont eines schwarzen Loches, dessen Gravitation dort um ein Vielfaches stärker ist, müsste sie auf mehr als Lichtgeschwindigkeit beschleunigen. Und das verhindert das Universum dank Einstein'scher Relativität mit allen Tricks und Mitteln. Wenn Schwarze Löcher alles verschlucken und nichts verlieren, existieren sie dann für immer, weil sie nie schrumpfen, sondern immer nur an Masse gewinnen können?

Das Schwarze Loch im Zentrum der Milchstraße ist vier Millionen Mal massereicher als unsere Sonne, sein Durchmesser aber nur weniger als 20 Mal größer.

Schon vor Jahrzehnten hat Stephen Hawking berechnet, dass Schwarze Löcher eben doch nicht ganz so zugeknöpft sind: Sie senden Strahlung aus, die wir heute Hawking-Strahlung nennen. Wie Sterne Licht aussenden, könnten also auch Schwarze Löcher elektromagnetische Strahlung aussenden. Und da nach Einsteins E=mc² Energie ja so ungefähr dasselbe ist wie Masse, müssten auch Schwarze Löcher, sofern sie nicht allzu gierig ständig neue Materie einsaugen, mit der Zeit schrumpfen. Sie müssten »verdunsten« und irgendwann ganz verschwunden sein. Wenn aber wirklich nichts einem Schwarzen Loch entkommen kann, dürfte ihm auch keine Strahlung entkommen, die ja spätestens mit der Quantentheorie ebenfalls aus kleinsten Teilchen wie den Photonen besteht. Auch Strahlung muss sich an die universale Höchstgeschwindigkeit halten.

Die helle Region rechts ist das Zentrum unserer Galaxie, in dem sich das supermassive Schwarze Loch befindet. NASA/JPL-Caltech/ESA/CXC/STScI (Public Domain)

Die Quantenphysik ist primär dadurch charakterisiert, dass sie unverständlich und vor allem nicht intuitiv ist. Deshalb eignet sie sich hervorragend, um den Effekt der Hawking-Strahlung anschaulich zu erklären. In einem Vakuum – also dort, wo eigentlich überhaupt nichts sein sollte – tauchen mit schöner Regelmäßigkeit zufällig neue Teilchen oder vielmehr Teilchenpaare positiver und negativer Energie auf, verschwinden aber normalerweise auch gleich wieder, weil sie sich gegenseitig aufheben, so dass man nicht viel von ihnen mitbekommt. Diese Annahme der Quantentheorie wurde durch verschiedene Experimente tatsächlich nachgewiesen, wobei nicht immer sicher ist, ob diese Nachweise nicht doch nur zufällig einen anderen Effekt nachgewiesen haben. Wenn man nun davon ausgeht, dass solche Teilchenpaare im gesamten Universum ständig entstehen und sich gegenseitig alsbald wieder auslöschen, so wird dies wohl auch nahe dem Ereignishorizont Schwarzer Löcher passieren. Das Schwarze Loch ist aber vielleicht schneller als das Bedürfnis der gerade entstandenen Teilchen, sich gegenseitig zu annihilieren; es kann passieren, dass einer der Zwillinge ins Loch stürzt, während der andere entkommt.

Nach dem ersten Satz der Thermodynamik kann Energie weder erzeugt noch verbraucht, sondern nur umgewandelt werden. Es ist offensichtlich, dass ein Kraftwerk keine Energie erzeugt, sondern nur umwandelt, und dass eine Glühbirne keine Energie verbraucht, sondern Elektrizität in Licht und Wärmeenergie verwandelt. Wenn also eines der Teilchen dem Schwarzen Loch entkommt, das ja normalerweise direkt wieder verschollen wäre, wirkt es für einen außenstehenden Beobachter so, als wäre an dieser Stelle neue Energie im Universum entstanden. Das Loch scheint Strahlung auszusenden. Entsprechend dem Satz der Erhaltung der Energie muss das aber bedeuten, dass durch das verschlungene Teilchen dem Schwarzen Loch Energie entzogen wird, es also schrumpft.

Diese verbreitete anschauliche Erklärung – wenn sie denn anschaulich ist – hat aber nicht viel mit den abstrakten Formeln Hawkings zu tun, die das Verdunsten Schwarzer Löcher berechnen. Man darf die Relativität nicht vergessen. Je stärker die Gravitation, umso langsamer vergeht die Zeit: Ein Effekt, der, so bizarr er klingt, durch seine allgegenwärtigen Auswirkungen leicht messbar ist. So vergeht die Zeit im Flugzeug, zehn Kilometer von der Erdoberfläche entfernt, schneller als am Erdboden – Ihre Armbanduhr geht nach der Landung, je nach dem, wie Sie genau geflogen sind, womöglich einige hundert Nanosekunden vor! Nahe einem Schwarzen Loch ist die Gravitation und damit die Zeitdilatation so unvorstellbar groß, dass nicht nur eine Armbanduhr, sondern eine ganze Reihe von physikalischen Prozessen ins Wanken gerät. Zeit und Raum werden so verbogen, dass die Minimalvoraussetzungen des Universums – besser: der physikalischen Gesetze, wie wir sie kennen – nicht mehr gegeben sind. Zum Beispiel müsste die Wellenlänge der Hawking-Strahlung kürzer werden als die Planck-Länge, die die kürzeste mögliche oder sinnvolle Länge des Universums ist. Was und ob etwas passiert, wenn sie unterschritten wird, sagt uns kein physikalisches Gesetz mehr: Wir wissen es nicht.

So oder so bleiben einige Probleme: Wir gehen davon aus, dass neben der Energie im Universum auch keine Information verloren geht, weil – theoretisch – jedes einzelne Teilchen nachverfolgbar ist. Im Inneren des Schwarzen Loches müssten also – wenn auch für uns unerreichbar – Informationen über alles, was jemals hineingefallen ist, immer noch existieren. Wenn das Schwarze Loch aber durch das Aussenden komplett zufällig entstandener Teilchen in Form der Hawking-Strahlung schrumpft und schließlich verschwindet, wäre diese Information nicht nur unerreichbar, sondern nicht mehr vorhanden. Mit anderen Worten: Während die meisten physikalischen Prozesse genauso gut umgekehrt stattfinden können – auch weil ja alles relativ ist und vorwärts aus der einen Sicht rückwärts aus einer anderen sein kann – wäre der Tod eines Schwarzen Loches unumkehrlich. Je nach dem, wem man glaubt, hätten wir also mit Schwarzen Löchern mehr gemein als vielleicht angenommen.

Die Hawking-Strahlung ist so gering, dass sie zwischen den letzten Hilferufen der Opfer des Schwarzen Loches gar nicht messbar ist.

Hawking war davon überzeugt und hatte gewettet, dass hier eben doch Information verloren geht. Später besann er sich und stimmte seinen Kritikern zu, dass es wohl eher noch einen ungeklärten Weg gibt, wie Information das Schwarze Loch wieder verlässt. Die Theorien, wie das passieren könnte, sind nur Fantasien: Vielleicht gelingt es dem Schwarzen Loch ja doch heimlich, Informationen auszusenden. Oder dies passiert auf einen Schlag in seinen letzten Lebenszügen. Vielleicht verbleiben im Raum auch winzige Überbleibsel, die alles aufbewahren. Die Theorien, die der uns bekannten Physik am wenigsten widersprechen, gehen davon aus, dass an Stelle der Schwarzen Löcher neue Paralleluniversen entstehen, die die Information aufnehmen, aber für uns unsichtbar bleiben. Oder die Zeit selbst speichert die sonst verlorene Information. Hawking hat uns noch einiges ungeklärt hinterlassen.